BIO-GÄRTNEREI
Die Bio-Gärtnerei Appisberg verbindet regionale Pflanzenproduktion mit Biodiversität und beruflicher Integration
Wenn im Frühling die Gewächshäuser der Bio-Gärtnerei Appisberg ihre Türen öffnen, beginnt oberhalb des Zürichsees eine besondere Zeit. Für viele Menschen aus der Region gehört der Besuch des Setzlingsverkaufs längst zum festen Auftakt der Gartensaison. Zwischen Gewächshausreihen und Pflanztischen entdecken Besucherinnen und Besucher robuste Gemüsesetzlinge, aromatische Kräuter und alte Sorten, die man in grossen Gartencentern selten findet.
Doch hinter den Gewächshäusern und Pflanzreihen geschieht derzeit mehr als nur der Start in eine neue Saison. Die Bio-Gärtnerei Appisberg entwickelt sich weiter und richtet ihren Blick zunehmend auf ein Thema, das für die Zukunft unserer Landschaften entscheidend ist: die Förderung der Biodiversität im Siedlungsraum.
Dabei verbindet der Betrieb zwei Anliegen, die auf den ersten Blick unterschiedlich erscheinen – den Schutz der natürlichen Vielfalt und die berufliche Integration junger Menschen. Genau an dieser Schnittstelle entsteht ein Ort, an dem ökologische Verantwortung und gesellschaftliche Wirkung zusammenfinden.
Wenn sich Gärten verändern
Auch im Gartenbau verändert sich derzeit vieles. Die Gestaltung von Gärten, Grünräumen und öffentlichen Anlagen entwickelt sich weiter – nicht zuletzt, weil sich unser Verständnis von Natur verändert hat.
Naturnahe Gärten, Wildstauden und insektenfreundliche Pflanzungen gewinnen zunehmend an Bedeutung. Gemeinden, Wohnbaugenossenschaften, Landschaftsarchitekturbüros und private Gartenbesitzer suchen vermehrt nach Pflanzen, die nicht nur ästhetisch wirken, sondern auch einen ökologischen Beitrag leisten.
Pflanzen werden heute stärker im Zusammenhang mit ihrem Lebensraum betrachtet: als Teil eines funktionierenden Ökosystems, das Insekten Nahrung bietet, Böden stabilisiert und natürliche Vielfalt fördert.
Ein weiterer Aspekt rückt dabei immer stärker in den Fokus: die Herkunft der Pflanzen. Denn auch innerhalb einer Pflanzenart gibt es Unterschiede. Wildpflanzen aus verschiedenen Regionen haben sich über Generationen an ihre lokalen Bedingungen angepasst. Sie unterscheiden sich genetisch -etwa in ihrer Widerstandsfähigkeit gegenüber Trockenheit, ihren Blühzeiten oder ihrer Anpassung an bestimmte Böden.
Deshalb empfehlen Bund, Kantone und Fachstellen zunehmend den Einsatz regionaler Ökotypen. Pflanzen aus der jeweiligen Region tragen dazu bei, lokale genetische Vielfalt zu erhalten und Ökosysteme stabiler zu machen.

Eine Lücke im regionalen Angebot
Gerade im östlichen Mittelland – und damit auch im Kanton Zürich – zeigt sich in diesem Bereich eine besondere Situation. Zwar existieren verschiedene Anbieter von Wildpflanzen oder Saatgutmischungen, doch ein breites Angebot an regionalem, herkunftsgesichertem Wildpflanzenmaterial in Bio-Qualität ist bislang kaum vorhanden.
Viele Wildstauden werden in grossen Produktionsbetrieben kultiviert, deren Sortiment nicht auf spezifische Landschaftsräume ausgerichtet ist. Für Projekte im Natur- und Landschaftsschutz, für ökologische Aufwertungen im Siedlungsraum oder für naturnahe Gärten wird es deshalb zunehmend schwierig, Pflanzen mit eindeutig regionaler Herkunft zu beziehen. Hier setzt die Weiterentwicklung der Bio-Gärtnerei Appisberg an.
Der Betrieb baut schrittweise eine Produktion auf, die sich auf Wildstauden, Saatgut und Gehölze aus regionalen Ökotypen des östlichen Mittellandes konzentriert. Ziel ist es, langfristig ein stabiles Sortiment aufzubauen, das für Biodiversitätsprojekte, naturnahe Gärten und ökologische Begrünungen genutzt werden kann.
In den kommenden Jahren soll ein Angebot entstehen, das umfasst – angepasst an unterschiedliche Lebensräume wie Blumenwiesen, Ruderalflächen, Feuchtstandorte, Dachbegrünungen oder naturnahe Gartenflächen.
Zusammenarbeit mit Fachorganisationen
Der Aufbau einer solchen Produktion geschieht nicht isoliert. Die Bio-Gärtnerei Appisberg arbeitet im Austausch mit verschiedenen Fachorganisationen, die sich seit Jahren mit der Erhaltung der einheimischen Flora beschäftigen.
Dazu gehören unter anderem RegioFlora, InfoFlora und Bioterra. RegioFlora arbeitet im Auftrag des Bundesamts für Umwelt daran, Kriterien und Qualitätsstandards für regionales Pflanzgut zu entwickeln. In diesem Zusammenhang wirkt die Bio-Gärtnerei Appisberg als Pilotbetrieb mit und bringt praktische Erfahrungen aus der Produktion in die Entwicklung zukünftiger Zertifizierungsrichtlinien ein. Solche Kooperationen sind entscheidend, weil sie sicherstellen, dass Pflanzen nicht nur biologisch produziert werden, sondern auch nachvollziehbare Herkunft und genetische Anpassung an ihre Region besitzen.
Biodiversität beginnt im Alltag
Diese Entwicklungen betreffen nicht nur Naturschutzprojekte oder grosse Landschaftsflächen. Sie zeigen sich besonders im Siedlungsraum. Balkone, Hausgärten, Wohnüberbauungen oder öffentliche Grünflächen können zu wichtigen Lebens-räumen für Pflanzen und Insekten werden. Biodiversität entsteht nicht nur in grossen Naturschutzgebieten – sie beginnt oft im Alltag, dort, wo Menschen ihre Umgebung gestalten.
Naturnahe Pflanzungen, Blumenwiesen oder artenreiche Staudenflächen schaffen kleine ökologische Inseln, die miteinander verbunden werden können. Gerade im dicht besiedelten Mittelland können solche Flächen dazu beitragen, Bestäuber und andere Insekten zu fördern.
Gärtnereien übernehmen dabei eine wichtige Rolle. Sie bringen Wissen über Pflanzen, Herkunft und Lebensräume in den Alltag der Menschen – und zeigen, wie Biodiversität praktisch umgesetzt werden kann.
Ein Ort der Integration
Die Bio-Gärtnerei Appisberg erfüllt neben ihrer ökologischen Aufgabe auch einen sozialen Auftrag. Sie ist Teil des Kompetenzzentrums Appisberg für berufliche Integration und bietet Jugendlichen so-wie jungen Erwachsenen die Möglichkeit, erste Schritte in Richtung Ausbildung oder Arbeitsmarkt zu machen.
Viele der Teilnehmenden bringen psychische Belastungen, Lernschwierigkeiten oder eine eingeschränkte Belastbarkeit mit. Die Arbeit mit Pflanzen bietet ihnen einen Rahmen, der sowohl strukturiert als auch stabilisierend wirkt.
Vom Säen über das Pikieren bis zur Pflege der Pflanzen erleben die jungen Menschen, wie aus kleinen Samen etwas wächst. Gleichzeitig lernen sie grundlegende berufliche Fähigkeiten – von handwerklichen Tätigkeiten bis hin zu Teamarbeit und Kundenkontakt.
Der Aufbau regionaler Pflanzenkulturen eröffnet dabei neue Lernfelder und verbindet ökologische Arbeit mit beruflicher Perspektive.
Standort: Männedorf, oberhalb des Zürichsees
Schwerpunkt: Produktion von Gemüse- und Kräutersetzlingen sowie Aufbau einer regionalen Wildpflanzenproduktion für das östliche Mittelland
Ziel: Ein Angebot von über 300 Wildpflanzenarten aus regionalen Ökotypen für Biodiversitätsprojekte, naturnahe Gärten und ökologische Begrünungen
Kooperationen: Zusammenarbeit mit RegioFlora, InfoFlora und Bioterra
Soziale Wirkung: Ausbildungs- und Integrationsplätze für Jugendliche und junge Erwachsene mit psychischen Belastungen oder erschwertem Zugang zum Arbeitsmarkt
Sortiment im Frühling: Gemüsesetzlinge, Kräuter, alte Tomatensorten, Chili, Beerenpflanzen sowie erste Wildstauden für naturnahe Gärten
Der Setzlingsverkauf – ein Frühlingsklassiker
Der Setzlingsverkauf im April gehört seit vielen Jahren zu den beliebtesten Veranstaltungen der Bio-Gärtnerei Appisberg. Für viele Gartenliebhaberinnen und Gartenliebhaber ist er der Moment, in dem die Gartensaison beginnt.
Besonders gefragt sind die zahlreichen Tomatensorten – rund fünfzig verschiedene Varianten stehen zur Auswahl. Dazu gehören aromatische Fleischtomaten, mediterrane Sardinia-Tomaten oder die traditionsreiche Berner-Rose-Tomate.
Auch Liebhaber scharfer Küche kommen auf ihre Kosten: Rund zehn bis fünfzehn Chili-Sorten sowie verschiedene Peperoni ergänzen das Angebot. Daneben finden sich klassische Gemüse wie Zucchetti, Gurken oder Fenchel sowie verschiedene Salat- und Kohlarten.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf Kräutern. Oregano, Estragon, Thymian, Zitronenmelisse oder Basilikum gehören ebenso dazu wie Etagenzwiebeln, Knoblauch oder Beerenpflanzen.
Viele dieser Setzlinge werden in der Gärtnerei von Hand angezogen, langsam kultiviert und aus biologischem oder biodynamischem Saatgut gezogen. Verwendet werden torffreie Substrate und Bio-Erde aus der Bodenseeregion. Ergänzt wird das Sortiment durch eine Auswahl an Wildstauden, die sich besonders für naturnahe Gärten eignen.
Ein Ort der Begegnung
Der Setzlingsverkauf ist mehr als ein Markt. Für viele Besucherinnen und Besucher ist er ein Treffpunkt, an dem man sich austauscht, Inspiration für den eigenen Garten findet oder einfach einen Frühlingsnachmittag inmitten von Pflanzen verbringt.
Gerade in einer Zeit, in der viele Menschen wieder stärker über Nachhaltigkeit, regionale Produktion und ökologische Verantwortung nachdenken, gewinnen solche Orte an Bedeutung. Hier wird sichtbar, wie Pflanzen wachsen, wo sie entstehen – und welchen Beitrag sie für unsere Umwelt leisten können.
Einladung zum Setzlingsverkauf
Mit dem Setzlingsverkauf im April öffnet die Bio-Gärtnerei Appisberg ihre Gewächshäuser für die Öffentlichkeit und lädt die Bevölkerung ein, die Vielfalt der Pflanzen zu entdecken.
Ob aromatische Tomaten, robuste Gemüsesetzlinge, duftende Kräuter oder Wildstauden für einen naturnahen Garten – hier finden Gartenfreunde Pflanzen, die mit Sorgfalt und Erfahrung kultiviert wurden.
Und vielleicht entdecken Besucherinnen und Besucher dabei nicht nur neue Pflanzen für ihren Garten, sondern auch eine Idee, die immer mehr an Bedeutung gewinnt: Dass selbst kleine Gärten Teil einer grösseren Landschaft sein können – und dass Biodiversität dort beginnt, wo Menschen ihre Umgebung bewusst gestalten.
Denn wenn Pflanzen wachsen, wächst oft noch etwas anderes mit: Verantwortung für die Natur, die uns umgibt.





